Prof. Disse kommentiert die Sturzfluten

Sturzfluten: Am späten Sonntagabend sind vor allem im Nordosten Baden Württembergs und in Mittelfranken schwere Unwetter niedergegangen. Diese Sturzfluten verursachten massive Schäden in zahlreichen Ortschaften. Im ARD Brennpunkt vom 30.05.2016 wurden insbesondere die Schäden in Schwäbisch Gmünd und Braunsbach (Landkreis Schwäbisch Hall) gezeigt.

Prof. Markus Disse, der kommende Leiter der Fachgemeinschaft Hydrologische Wissenschaften, wurde im ARD Brennpunkt befragt, ob diese Flut auf menschliche Ursachen zurückgeführt werden könne. Markus Disse stellte in dem Interview den grundsätzlichen Unterschied zwischen Flusshochwasser, das durch menschliche Aktivitäten beeinflusst werden kann, und Sturzfluten dar, die in ihrem Ausmaß kaum beeinflusst werden können.

Den ARD Brennpunkt kann man sich hier noch einmal anschauen (Das Interview startet ab Minute 8).

Leider konnte der Kollege Disse in der Kürze der Zeit nicht auf die Möglichkeiten der Vorsorge und der Schadensminimierung im Ereignisfall eingehen.

Die folgenden Punkte hätten ihm noch auf der Zunge gelegen (meine persönliche Kommunikation):

– Bei Sturzfluten kann man sehr wohl die Schäden beeinflussen (Bauvorsorge, städtische Bauleitplanung, Sicherung von hochwertiger Infrastruktur (Krankenhäuser, Feuerwehrhaus, etc…).

– Das ankommende Wasser möglichst lenken und leiten in weniger gefährdete Gebiete. Dazu braucht man 2-dimensionale hydraulische Modelle, um die Fließwege und die Fließgeschwindigkeiten zu berechnen.

– Evakuierungspläne vorsorglich erstellen und evtl. mit den Bürgern üben. Der Lehrstuhl von Kollege Disse an der TUM erstellt gerade im Rahmen eines Forschungsprojektes „FloodEvac“ solche Evakuierungspläne (inkl. Standfestigkeit der Brücken, Cloudsourcing über Smartphones à Ermitteln der besten Fluchtwege)

– Rückhalt von grobem Material (große Steine, Bäume usw.) durch so genannte Geschiebesperren in den Hanglagen;

– Als Vorsorgemaßnahme:  Erstellen eines „Hochwasser-Audits“ durch die DWA (kostenpflichtig, lohnt sich aber);

Vielleicht können wir diesen Beitrag erneut nutzen, um eine fachbezogene Diskussion über das Thema der Sturzfluten auf den Seiten der Fachgemeinschaft Hydrologische Wissenschaften anzustoßen.

Heribert Nacken
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Heribert Nacken
  1. Uwe Grünewald

    Aus meiner Sicht, zeigen die jüngsten Ereignisse erneut, dass das leider in Medien und in der Politik immer wieder bemühte „Hochwasserschutzversprechen“ gefährlich und kontraproduktiv ist. Wir können Vorsorge gegen Naturgefahren wie Starkregen und Überflutungen betreiben.
    Das ist aber keineswegs allein Aufgabe der „Rot- und Blaulicht“ Einheiten, der Wasserwirtschaft, der Hydrologen und Meteorologen u.ä.
    Hier existiert eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft und für jeden einzelnen Bürger. Dass haben viele solcher nüchternen und sachlichen Ereignisanalysen der letzten Jahrzehnte gezeigt und es bleibt zu hoffen ,dass die hervorragenden Wasser- und Umweltverwaltungen in Bayern und Baden-Württemberg die Chancen dementsprechend nutzen ! Vielleicht gelingt es dann auch im Freistaat Bayern, dass das Landwirtschaftsministerium endlich den Begriff „Hochwasserfreilegung“ – mit all seinen Assoziationen – endlich tilgt
    Neben der „Hochwasserdemenz“ beklage ich seit Jahren die Gefahr der Vernachlässigung der Gefahr des „Hochwaaserinfarkts“. D.h. z.B. wenn die Gewässer nicht ausreichendes Abflussvermögen aufweisen, suchen sie sich im Falle von Extremereignissen ihren Weg und da sollten alle , die an der „Alten Elbe“, am „X- Bach“ oder am „Y-Kanal“ ihr Grundstück oder Haus haben, darauf vorbereitet sein oder werden….Zumal wenn nicht nur in der eigenen Gemeinde sondern auch im oberhalb liegenden Einzugsgebiet Einkaufs – und Gewerbeparks, Tennisplätze, asphaltierte Landwirtschaftswege u.s.w. in Hülle und Fülle entstanden sind oder die Gewässer oberhalb und untehalb durch Einbauten oder Aufwuchs ihr Abflussvermögen verlieren.
    Es gibt viel zu tun… im Umgang mit dem Hochwasserrisiko!

  2. Antje Bornschein

    Ich möchte hier das Thema Ereignisanalyse ergänzen. Wenn all das abgelagerten Geschiebe und Geschwemmsel sofort beräumt wird, ohne das entsprechende Fachleute die Mengen lokalisieren und quantifizieren konnten, gehen wichtige Daten für spätere Modellierungen verloren. Gerade bei der Berechnung der Erosion und Sedimentation fehlen Daten für Vergleichsrechnungen.

  3. Prof. Andreas Schumann

    Sturzfluten- Hochwasser der anderen Art

    Seit etwa einer Woche werden in Deutschland Städte und Gemeinden von schweren Sturzfluten betroffen. Im Gegensatz zu Flusshochwasserereignissen, die sich großräumig und zeitlich über mehrere Stunden oder sogar Tagen entwickeln, treten derartige Ereignisse innerhalb von Minuten oder wenigen Stunden auf. Ursache sind meist kleinräumige, extrem intensive Starkregen, sogenannte Regenzellen, die zu extremen Abflüssen führen, die meist mit hohen Erosionen und Feststofftransport (Murrgängen) verbunden sind.
    Das Auftreten derartiger Ereignisse ist in Abhängigkeit von der vorherrschenden Wetterlage nur regional, aber nicht lokal vorhersagbar. Unter diesen Umständen stellt sich die Frage der Vorbeugung. Hierzu werden folgende Möglichkeiten gesehen:

    1. Stärkere Berücksichtigung der Vulnerabilität der Infrastruktur, insbesondere im unterirdischen Bereich und zielgerichtete Maßnahmen zu deren Verringerung (Berücksichtigung der Exposition durch die Geländestruktur in der Planung, redundante Systeme, z.B. in der Energie- und Wasserversorgung, Vorbereitung operationeller Maßnahmen wie Sperrungen oder Schaffung von Fluchtwegen).

    2. Verbesserung der Information zu derartigen Unwettergefahren und zu den möglichen Selbstschutzmaßnahmen der Betroffenen (z.B. Gefährdung durch extreme Fließgeschwindigkeiten).

    3. Verbesserung der statistischen Bemessungsgrundlagen durch stärkere Berücksichtigung der Extreme mit Hilfe neuer, bisher noch nicht in die Praxis eingeführten Verfahren.

    4. Nutzung von Wetterradardaten im operationellen Bereich zur Ermittlung der aktuellen Betroffenheit und Einleitung von schadensmindernden Maßnahmen sowie zur Analyse der Raum- und Zeitstrukturen derartiger Regenereignisse zur Ausweisung und Berücksichtigung wetterlagenabhängiger regionaler Hotspots in der Planung.

  4. Georg Johann

    Nicht zu vergessen ist – neben dem Hochwasser-Audit für die Träger öffentlicher Belange – auch der Hochwasserpass für die Eigenvorsorge:

    http://hochwasser-pass.com/

    Auch ist die Darstellung des durch Starkregen wild abfließenden Wassers in sogenannten „Starkregengefahrengarten“ eine wichtige Grundlage, um überhaupt Vorsorgemaßnahmen treffen zu können. Beispiel:

    http://starkgegenstarkregen.de/

    Georg Johann

  5. Prof. Manfred Ostrowski

    Beim Thema urbane Sturzfluten verweise ich auf das Projekt URBAS, das die Problematik weitgehend und im Detail behandelt hat. Man kann der Fachwelt nicht anlasten, sie hätte das Problem ignoriert.

    http://www.urbanesturzfluten.de/

    Manfred Ostrowski

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